Chador-city und Kashan

Von Teheran aus machten wir uns auf in die zweitheiligste Stadt Irans, nach Qom. Iran ist bekanntlich ein muslimisches Land. Nun gibt es aber auch im Islam verschiedene Denominationen. Die überwiegende Mehrheit der Iraner sind Muslime schiitischer Glaubensrichtung, genauer noch Anhänger der sogenannten Zwölferschia. Die Schiiten glauben im Gegensatz zu den Sunniten, dass alle Imame aus der Familie des Propheten Mohammed stammen müssen. Die Anhänger der Zwölferschia sind zudem der Überzeugung, dass nach Mohammed, dem ersten rechtmässigen Herrscher über alle Muslime, zwölf Imame nacheinander dieses Amt innehatten. Das Spezielle daran ist der Glaube, dass der zwölfte und letzte Imam mit dem Namen Muhammad al-Mahdi im Jahr 873 n. Chr. geboren und noch im Kindesalter von Gott entrückt wurde. Dieser Imam al-Mahdi wir nach Ansicht der Gläubigen eines Tages als Messias wiederkehren und alle Menschen zum rechten Glauben führen. Zudem gilt Muhammad al-Mahdi als das einzige legitime Oberhaupt über die Muslime, weshalb er in der Verfassung Irans als das eigentliche Staatsoberhaupt aufgeführt ist.

Jetzt aber zurück nach Qom. Fatameh Ma’soumeh (Fatima die Sündlose) war die Tochter des siebten Imams Musa al-Kazim und wurde nach ihrem Tod in Qom begraben. Über die Jahrhunderte wurde Qom deshalb zu einem wichtigen Wallfahrtsort für alle Schiiten und zur zweitheiligsten Stadt Irans. Zudem ist Qom der Standort der wichtigsten Theologischen Hochschule Irans. Also alles in allem eine sehr religiöse, sehr konservative Stadt, was ihr auch den Beinamen Chador – City eingebracht hatte. Uns wurde im Norden Irans immer wieder gesagt es lohne sich für Touristen nicht dorthin zu gehen, da es in Qom sowieso nichts zu sehen gäbe ausser Mullahs.

Trotzdem haben wir entschieden uns diese Stadt ein wenig näher anzuschauen und nachdem Pam ihr Kopftuch enger geschnallt hatte waren wir bereit. Die Zugfahrt am frühen Morgen von Teheran nach Qom verlief reibungslos und wir haben unseren ersten Sonnenaufgang in der Wüste genossen. Schon bei der Ankunft wurden wir von einem älteren Herrn und seiner Frau herzlich begrüsst und willkommen geheissen. In der Stadt machten wir uns als erstes auf die Suche nach einem guten Frühstück. Das ist gar nicht so einfach, da nur einige wenige Teehäuser wirklich Frühstück servieren. Darum war Sophane (Frühstück) auch eines der ersten persischen Wörter das wir verstanden und regelmässig gebrauchten.

Frisch gestärkt machten wir uns danach auf zu der einzigen Sehenswürdigkeit die Qom zu bieten hat, zum Schrein der heiligen Fatima. Wir wussten im Voraus nicht, ob wir als Nichtmuslime Zutritt erhalten würden, da dies von der Laune des jeweiligen Wächters abhängig ist. In unserem Fall haben sie uns den Zutritt gewährt unter der Bedingung, dass Pam einen Chador trägt und wir uns von einem Mullah herumführen lassen. Das war eigentlich das Beste was uns passieren konnte, denn so hatten wir eine private Führung und konnten „unseren“ Mullah mit Fragen löchern. Am Schluss durften wir uns noch in den ehemaligen Privaträumen der Königsfamilie ausruhen, was uns das Gefühl gab sehr wichtige Besucher zu sein!

Da Qom sonst eigentlich nichts zu bieten hat, sind wir noch am selben Tag nach Kashan, einer kleinen Wüstenstadt, weitergereist. Das heisst, zuerst wurden wir in Qom noch von Reza zu einer kleinen Erfrischung zu sich nach Hause eingeladen und danach zum Busbahnhof gefahren. Für uns hat sich der Abstecher nach Qom sehr gelohnt, und wir würden es allen Besuchern die sich für Religion interessieren und genügend Zeit haben empfehlen.

Kashan ist eine schöne, ruhige Kleinstadt am Rand der Kavirwüste und darum bestens geeignet die Teheraner Hektik hinter sich zu lassen. Viele der Häuser sind noch im traditionellen Stil aus Lehm erbaut und mit Windtürmen ausgerüstet. Diese Türme leiten den stetig wehenden Wind ins Innere des Hauses und verschaffen so ein weinig Abkühlung von der drückende Wüstenhitze. Kashan ist vor allem berühmt für seinen architektonisch sehr attraktiven Bazar und für den Baq-e-Fin, den königlichen Garten.

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 Windtürme in einer Wüstenstadt

In der persischen Kultur haben Gärten einen ganz anderen Stellenwert als bei uns im Westen. Für die Wüstenbewohner war ein kühler, grüner Ort, an dem Wasser fliesst nahezu das Paradies auf Erden. Deshalb wurden viele Gärten mit der grösstmöglichen Sorgfalt angelegt und gepflegt. Der Baq-e-Fin ist so ein Paradiesgarten. Dass dieser Garten zudem noch Schauplatz wichtiger politischer Geschehnissen und Attentaten auf Würdenträger war trägt nur zu seinem Ruhm bei. Für uns aus der grünen Schweiz war der Garten nicht ganz so überwältigend wie wahrscheinlich für einen Iraner, aber dennoch hat uns die ganze Anlage sehr gut gefallen.

Auch im Bazar haben wir viel Zeit verbracht. Da Kashan ein bedeutender Knotenpunkt auf den Karawanenwegen durch die Kavir war, war auch der Bazar entsprechend wichtig. Verschiedene Karwansereien (Gasthäuser für Karawanen), Hamame (Badehäuser) und Moscheen sind über das ganze Bazarviertel verteilt und laden zum Entdecken ein. Das spannende daran ist, dass auch hier nichts nur für Touristen hergerichtet wurde, sondern alles noch auf irgendeine Art in Betrieb ist.

Unsere nächste Station wird Esfahan sein, eine Stadt, welche ihr vielleicht durch den Roman oder den Film „Der Medicus“ kennengelernt habt.

2 thoughts on “Chador-city und Kashan

  1. Salutti und happy new year wünsch ich Eui ! Eui Bricht sind mega spannend zum Lese, Gschicht emal anders wiitergäh. Wiiterhin Gottes Säge und sin Schutz, lg Ursle

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